Die Prüfung - Teil 1 - Sarunas virtuelle Welt

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Die Prüfung - Teil 1

Geschichten > Die Prüfung

Eine Fantasy-Geschichte von Saruna
- Juli 2010 -


Es war noch dunkel und der Tag noch nicht erwacht...
Loahalh griff seine Tasche und schlich leise die Teppen hinauf - in die Klause der Prüfung.
"Nein, die Anderen will ich jetzt nicht treffen. Nichts soll mich ablenken." Dafür war er extra zwei Stunden früher aufgestanden. Eine kurze Nacht hatte ihm nichts ausgemacht. Heute endlich würde er aufbrechen zur geheimisvollen Höhle des  Roten Berges. Vorsichtig öffnete er die schwere Holztür und schaute sich um. Irgendwie hatte er sich diesen Vorbereitungraum immer viel prächtiger ausgemalt. Stattdessen war es eine karg eingerichtete kalte Steinkammer. Ihn fröstelte ein wenig. Kein Wunder  - er war komplett nackt, und nackte Füße war er nicht so recht gewohnt. Bewundernd zupfte er an seinem Prüfungsgewand, das auf dem Hocker lag. "Es schaut unscheinbar aus, aber es besteht aus einem sehr ungewohntem Material. Hmmm - weich und steif  zugleich."

Dann fiel ihm ein, dass er für die Prüfung auch kein Haupthaar tragen durfte. Die Prüfungsregel 1 besagte, nur das reine Gewand dürfe der Prüfling tragen und kein Haar durfte seine Haut bedecken.
"Nun gut, wenn's sein muss!" Mit einigem Unbehagen dachte er an die Rasuren zurück und streife sein Prüfungsgewand über. Trotzdem es sich angenehm anfühlte auf seiner Haut, wären ihm Hose und Hemd lieber gewesen.
Plötzlich wehte aromatische getränkte Luft wie ein leichter Schleier ins Zimmer und streifte sanft seinen glattrasierten Arm. Rasch trat er auf den Balkon und atmete ganz tief ein, genoss mit geschlossenen  Augen den Duft.

Er liebte diesen Augenblick der Stille, kurz bevor die Vögel mit ihrem Gesang anfingen. Normalerweise war der harte Winter die Zeit der Prüfung, aber für ihn galten heute besondere Regeln - es war Frühsommer. Plötzlich hielt er inne und überlegte angestrengt. Fremd und doch irgendwie auch vertraut kam ihm dieser Duft vor. Dann fiel es ihm wieder ein, und er lächelte. "Frische  Brötchen und Kaffee - das gibt es doch nicht!" rief er aus und lehnte sich tief über das Geländer. Ja richtig, diese köstlichen Gerüche kamen direkt aus der Küche, die direkt unter der Prüfungsklause lag.

Gleichzeitig überlegte er, dass er solche Gerüche hier noch nie wahrgenommen hatte, seitdem er seine Ausbildung zum Magier angetreten hatte. Das mag daran liegen, dass der Schülerbereich weit entfernt am entgegengesetzten Ende der Küche lag. Auch gab es für die Schüler nur Kräutertee und den Nährschleim während der Ausbildung. Die einzige Abwechslung bestand in den verschiedenen Sirups, die es zum Schleim dazu gab. Nicht besonders lecker und abwechslungsreich, aber Loahalh und die anderen hatten sich im Laufe der Jahre einfach daran gewöhnt. "Aber wieso kann ich den Duft trotzdem richtig einordnen?" Dann plötzlich kam die Erinnerung daran zurück - fast wie ein Schlag.

Dann erinnerte er sich plötzlich an Zeiten zurück, die er völlig vergessen glaubte. Er sah sich im Alter von zwei Jahren aufgeregt um seine  Eltern herumtoben und rufen: "Ich werde auch der beste Magier des Landes!"
Wie in einem Film sah er ganz deutlich auch das warme Lächeln seiner Mutter und den stolzen Blick seines Vaters. Gleichzeitig schoss ihm durch den Kopf: "Warum denke ich plötzlich an meine Eltern und an diese Zeit, die so lang zurückliegt?  Nein, ich will nicht an Vater denken!" Zu schmerzhaft war der Gedanke. Stattdessen versuchte er, sich auf den fernen Wald zu konzentrieren, als er plötzlich eine ihm sehr vertraute Stimme hörte.

"Ach was, von wegen bester Magier - ein Hosennässer warst du und ein Träumer obendrein! Morgen, du Schlafmütze!"
Sein Begleiter grummelte vor sich hin, während er sich auf den Schemel setzte, aber in seinen Augen blitzte es. Auch der linke Mundwinkel zuckte verräterisch.
"Typisch Nharhoman", dachte der junge Mann und musste ebenfalls schmunzeln. Der Alte hatte mal wieder seine Gedanken gelesen und ihn ablenken ablenken wollen. Nharhoman war der neue Zatir und damit das oberste Mitglied im "Rat der Weisen". Wäre heute nicht seine Prüfung und bestände nicht das alte Band, hätte er sich in Ehrfurcht vor ihm verneigen müssen, als sein Meister den Raum betrat. Doch für Loahalh war er immer noch sein Lehrer und Vertrauter, der ihn all die Jahre sicher durch die Magier-Akademie Fasythar begleitet hatte - der einzigen vom ganzen Land.

Über neun Jahre lang hatte der Lehrer fest an seiner Seite gestanden und sich seiner Magierausbildung angenommen. Es war üblich in Fasythar, dass jeder Schüler einen festen Lehrer hatte - von der Aufnahme bis zur End-Prüfung. Sie waren durch eine Art Band miteinander geistig verbunden, aber enger als üblich zwischen Lehrer und Schüler. Sie waren "tschalar", was nur äußerst selten vorkam und sogar eine eigene Bezeichnung hatte, so kostbar war diese Bindung. Einem Nicht-Magier könnte man es noch am besten mit, geistig einander ergänzend und verstärkend auf ihrer beider Fähigkeiten wirkend, erklären.

Aus diesem Grunde ließ es sich der neu berufene Zatir auch nicht nehmen, seinen ehemaligen Zögling selber zur Prüfungsstätte zu führen. Nharmhoman lächelte wieder, denn er amüsierte sich immer noch über den Aufstand, den sein Entschluss unter einigen Ratsmitgliedern auslöst hatte. Insbesondere Wolhan, der Zeremonien-Meister war fast in Ohnmacht gefallen vor lauter Entsetzen. Doch er hatte sich durchgesetzt. "Mein Schüler ist der Sohn meines besten Freundes" Es hatte durchaus auch Vorteile, der wichtigste Magier im Rat zu sein.

Sicher, er hatte es Loahalhs Vater, dem früheren Zatir, auf dem Sterbebett versprochen, den Jungen bis zum Ende zu betreuen. Denn die Prüfung war lebensgefährlich und konnte auch tödlich enden. Wie tödlich, wusste immer der jeweilige Zatir, und Nharhoman wusste nun, warum sein alter Freund so darauf gedrängt hatte. Rasch hatten beide noch diesen Pakt geschlossen, ehe sein Vorgänger verstarb. Loahalhs Vater war nicht irgendein Freund, sondern sein bester, und dessen kürzlicher Tod traf alle völlig überraschend. Das ganze Land war fassungslos über die Nachricht gewesen, die er überbringen musste.

Seufzend hielt er einen Moment inne, stützte  sich auf seinen Stab und gedachte seines toten Freundes. "Schon deshalb will ich ihm noch ein paar Instruktionen mit auf den Weg geben." Gleichzeitig sammelte er seine Gedanken und ordnete sie in den sieben parallelen Ebenen, wie er es tun musste, um konzentriert zu sein.


"Welche Aufgaben werde ich lösen müssen?" Der Prüfling stellte sich diese Fragen schon seit Wochen immer wieder. Es war ein Geheimnis, und jeder Prüfling würde die Antwort erst kennen, wenn er die erste Aufgabe überlebt hätte. Loahalh spürte, wie die Kälte der Angst schon wieder langsam in ihm empor kroch. Würde er es schaffen? Er war sicher kein Feigling, aber es hing so viel davon ab, dass er die Prüfung bestand. War er doch durch den völlig unerwarteten Tod seines Vaters plötzlich in der Zwangslage, seine Ausbildung ein halbes Jahr früher abzuschließen.

Außerdem brauchte das Land jeden fertigen Magier für den Kampf, der seit einem Jahr in Zhorothan und Umgebung tobte. Unbekannte waren in ihre friedliche, vertraute Welt eingedrungen. Keiner wusste, wer sie waren und warum sie kamen. Dann im letzten  Monat führten die Fremden überraschend ihren Erstschlag durch. Waffen, die bislang keiner kannte und die Angst und Schrecken auslösten. Viele Menschen und auch Magier kamen dabei völlig unvorbereitet ums Leben. So auch der Vater von Loahalh, der in seiner Funktion als Zatir im Nordland unterwegs gewesen war. Es hatte ihn am Hof von Fürstin Albhana getroffen. Sie war eine der vier Führerinnen des Landes; ihr Regierungsgebiet war die nördliche Landesspitze von Zhorhothan. Auch Albhana und viele Leute ihres Gefolges waren bei dem Angriff gestorben.
  

Loahalhs Prüfung war etwas ganz Besonderes.
Nicht nur, weil ihn der neue Zatir begleitete, sondern auch, weil der Rat seiner dringenden Bitte um Vorverlegung zugestimmt hatte. Vor ihm hatte das noch nie ein Schüler gewagt, und er hatte es nur durch  die Unterstützung von Nharhoman geschafft.
Loahalh wusste, dass alle Augen auf ihn ruhen würden, wenn er gleich in den Speisesaal käme. Bei dem Gedanken daran verging ihm umgehend der Appetit. Nein, er wollte keine Fragen beantworten.  Nein, er wollte nicht bemitleidet werden. Sicher würde er keinen Bissen herunterbekommen, wenn alle Augen auf ihm ruhten.
Stattdessen wollte er lieber noch ein bisschen meditieren. "1, 2, 3...", sprach Loahalh und schnippte mit Daumen und Ringfinger. Einen Augenblick später befand er sich bereist in einem leichten Trancezustand.

Nharhoman beobachtete seinen Zögling besorgt. Er musste etwas essen, damit er der Prüfung gewachsen war, die nicht nur geistiges Geschick erforderte.  "Na, den Gefallen darf ich ihm ja wohl noch erfüllen." Er sprach flüsternd einen Zauber aus. "Tschinnnnggggg!" Der kleine Tisch in der Klause der Prüfung war gedeckt und hatte sich keinen Millimeter  bewegt. "Komm frühstücken!" Damit erweckte er ihn aus der Trance. Schließlich wollte er etwas mit diesem Frühstück erreichen und hatte vorhin dafür gesorgt, dass alte Erinnerungen wieder geweckt werden.

Frisch gestärkt machten sich Lehrer und Schüler auf den vorgezeichneten Weg.
Loahalh versuchte, den weiten Schritten seines Lehrers zu folgen, der seine magischen Schuhe trug und damit schneller vorankam. Das mit Morgentau benetze Gras umspielte  seine Füße, und so vergaß er bald, dass er keine Schuhe trug. Stattdessen genoss er das leichte Kitzeln an den Füßen und lauschte aufmerksam den Instruktionen seines Lehrers. Endlich waren sie am Roten Berg angelangt. Nharhoman musste nicht lange nach Zeichen suchen. Er wusste im Schlaf, wo der unsichtbare Eingang zur Prüfungshöhle lag.

"Hier ist es. Ich überreiche dir nun Elomir - deinen Elbenstab. Er wird dich bis  zu deinem Tod begleiten. Pass gut auf ihn auf!" Er schnippte leicht und verließ die heilige Stelle der Prüfung. Alles, was nötig war, hatte er Loahalh mit auf den Weg gegeben.
Elomir war der beste Elbenstab des Landes und hatte einst Loahalhs Vater gehört. Das jedoch hatte er seinem Schüler verschwiegen. Würde der Stab den Jungen anerkennen? Er wusste, Loahalh war ein besonderer Schüler, wie er ihn in vielen Jahrzehnten  noch nie erlebt hatte. Vielleicht lag es an der magischen Verbindung seiner Eltern - ein Zatir und eine Fürstin des Landes. Eine ungewöhnliche Verbindung, die seinerzeit für viel Diskussionen gesorgt hatte. Trotzdem bangte er um den  jungen Mann.  


Loahalh stand mit dem Rücken zum Berg und betrachtete aufmerksam den Elbenstab. Plötzlich fiel alle Angst von ihm ab. Erleichtert konzentrierte er sich auf den Elbenstab und beschwörte ihn in Gedanken: "Leuchte Elomir - schenk mir dein magisches Licht!" Damit er die Verbindung zum Elbenstab aufnehmen konnte, musste er sein inneres Auge finden. Nur ein gut ausgebildeter Schüler mit wahrem Magier-Potential konnte es bei sich am Tag der Prüfung entwickeln. "Verzweifel nie, sondern versuche es mehrfach!", hatte ihm Nharhoman mit auf dem Weg gegeben. Dann spürte er die Veränderung, das innere Auge war endlich da, doch konnte er es noch nicht öffnen.

Er hielt inne, atmete die würzige Waldesluft tief ein, um sich noch tiefer konzentrieren zu können. Wie gern hätte er in diesem Moment seinen vertrauten Runenring gespürt, aber auch Schmuck war verboten für die Prüfung. Loahalh  überlegte; hatte er die Worte vielleicht doch falsch betont? Er wiederholte seine Beschwörung noch intensiver. Sein inneres Auge begann sich zu öffnen. "Leuchte Elomir - schenk mir dein magisches Licht!" Immer tiefer versank er in seiner Trance. Dann schreckte er auf, denn bei seiner letzten Wiederholung hatte er die magische Worte laut ausgesprochen, was in keiner der ihm bekannten Anweisungen stand. Aber dann hörte er eine unbekannte Stimme sprechen:

"Loahalh, ich werde nun dein Begleiter sein. Ich schenke dir mein blaues Licht."  Der Stab glühte.

"Ich hab es geschafft!" Alle Anspannung fiel von Loahalh ab, Triumph überkam ihn und Erleichterung - ein unbeschreibliches Gefühl der Freude. Nachdenklich schaute er seinen Elbenstab an, denn er entsprach nicht denen, die er so kannte. Er musste etwas ganz Besonderes sein, die Farbe des magischen Lichtes war blau - sonst war sie doch immer weiß. Auch von Sternen, die ein aktiver Stab versprüht, hatte er noch nie gehört. Zweifelnd schaute er Elomir an. Hatte er es tatsächlich geschafft, ihn zu erwecken?

Er hörte ihn lachen und spürte, wie ein Windstoß von der Seite sein Gewand erfasste. "Ja, mein Großer - du hast es geschafft! Den wichtigsten Teil  der Prüfung hast du hinter dir. Ich freue mich, nun den Sohn meines verstorbenen Gefährten auf seiner Reise zu begleiten." Jetzt wusste der jungen Magier plötzlich, dass hier wirklich etwas Besonderes geschehen war. Elbenstäbe wurden im Ostland bei den Khamir in den tiefen Höhlen gezogen. Jeder Prüfling erhielt seinen eigenen neuen Stab nach bestandener Prüfung. Noch nie zuvor hatte ein junger Magier den Elbenstab eines Verstorbenen bekommen - und schon gar nicht von den Vorfahren.

"Was wollte Naharhoman damit bezwecken?

Die Prüfung - Illustration
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